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Verbrauchs- oder Bedarfsausweis

Primärenergiebedarf und Endenergiebedarf: was die zwei Zahlen unterscheidet

Christine Werker

Energieberaterin (EEE) & Architektin

Stand:

Auf Ihrem Energieausweis stehen zwei Energiekennwerte übereinander, beide in Kilowattstunden je Quadratmeter und Jahr, und der eine ist meist deutlich größer. Das ist kein Fehler: Die beiden Zahlen messen Verschiedenes. Dieser Beitrag ist für Eigentümerinnen und Eigentümer eines Wohngebäudes geschrieben, die wissen wollen, welche der beiden für sie zählt.

Heller Heizungskeller mit wandhängendem Gas-Brennwertgerät, gedämmten Rohrleitungen und Gaszähler; links zwei Balken, ein kürzerer navyblauer mit „Endenergie“ und ein längerer orangefarbener mit „Primärenergie“. Überschrift: „Primärenergie und Endenergie – Zwei Kennwerte“.
Endenergie am Zähler, Primärenergie mit Vorkette: was der Faktor bewirkt und welche der beiden Zahlen die Effizienzklasse bestimmt.

Der Reihe nach: was beide Begriffe bedeuten, warum beide im Ausweis stehen, was der Primärenergiefaktor bewirkt, welche Zahl die Effizienzklasse bestimmt und welche ins Inserat gehört — und welche Sanierungsmaßnahme welche der beiden bewegt.

Was ist Endenergie, was ist Primärenergie?

Die Endenergie ist die Energiemenge, die dem Gebäude an seiner Grenze zugeführt werden muss: das Gas am Zähler, das Öl im Tank, der Strom für die Wärmepumpe. Die Primärenergie ist dieselbe Menge, ergänzt um alles, was vorher nötig war, um sie dorthin zu bringen — Förderung, Kraftwerk, Netzverluste, Transport. Beide beziehen sich auf den Quadratmeter Gebäudenutzfläche und ein Jahr.

Davor liegt eine dritte Größe: die Nutzenergie, die Wärme, die in den Räumen ankommt. Aus ihr wird die Endenergie, indem die Verluste des Heizsystems dazukommen; aus der Endenergie wird die Primärenergie, indem der Faktor des Energieträgers daraufgerechnet wird. Wo die Kette in Ihrem Ausweis steht, zeigt der Überblick über den Energieausweis.

Von der Wärme im Raum zur Primärenergie
Drei Energiestufen: Nutzenergie, Endenergie und Primärenergie, verbunden durch zwei Rechenschritte Nutzenergie Endenergie Primärenergie Verluste des Heizsystems mal Primärenergie- faktor, hier 1,1
Die drei Energiestufen mit dem Rechenschritt davor
Stufe Was sie beschreibt Rechenschritt davor
Nutzenergie Wärme in den Räumen —
Endenergie an der Gebäudegrenze geliefert Verluste von Erzeuger und Verteilung
Primärenergie zuzüglich Vorkette mal Primärenergiefaktor

Quelle: Eigene Darstellung nach § 82 GModG und Anlage 4 zum GModG; Beispielfaktor 1,1 für Erdgas

Warum stehen zwei Zahlen in Ihrem Energieausweis?

Weil das Gesetz beide verlangt. § 85 Absatz 3 des Gebäudemodernisierungsgesetzes schreibt für den Verbrauchsausweis „Endenergie- und Primärenergieverbrauch des Gebäudes für Heizung und Warmwasser“ vor.3 Beim Bedarfsausweis stehen beide als berechneter Bedarf. Auf dem Farbband des Formulars sitzt deshalb ein Pfeil über und einer unter der Skala — welcher wo steht, zeigt der Beitrag zum amtlichen Muster.

Gerechnet wird nur in eine Richtung. § 82 Absatz 3 GModG sagt: „Der Primärenergieverbrauch wird auf der Grundlage des Endenergieverbrauchs und der Primärenergiefaktoren nach § 22 errechnet.“4 Die Primärenergie ist keine zweite Messung, sondern ein Folgewert der ersten.

Was macht der Primärenergiefaktor — und warum schneidet Strom anders ab als Gas?

Der Primärenergiefaktor ist kein Rechenergebnis, sondern eine gesetzte Zahl: Anlage 4 zum Gebäudemodernisierungsgesetz listet ihn je Energieträger.1 Netzstrom trägt den höchsten Faktor, weil hinter jeder gelieferten Kilowattstunde die Verluste von Kraftwerk und Netz stehen; Holz den niedrigsten, weil dort nur der nicht erneuerbare Anteil zählt.

Zum 1. Januar 2027 wird die Tabelle ersetzt — durch Artikel 2 des Änderungsgesetzes vom 23. Juli 2026, dessen Inkrafttreten Artikel 9 Absatz 2 auf dieses Datum legt.8 Netzstrom fällt auf 1,5, passend zum wachsenden Anteil erneuerbaren Stroms: 2025 lag er bei 55,1 Prozent des Bruttostromverbrauchs.11 Holz steigt von 0,2 auf 0,7, Fernwärme bekommt erstmals einen eigenen Tabellenwert.

Primärenergiefaktoren nach Anlage 4 zum GModG, heute und ab dem 1. Januar 2027
Energieträger heute ab 01.01.2027
Heizöl, Erdgas, Flüssiggas 1,1 1,1
Holz, feste Biomasse 0,2 0,7
Biogas, Bioöl 1,1 0,7
Netzstrom 1,8 1,5
Strom aus Photovoltaik oder Windkraft am Gebäude 0,0 0,0
Erdwärme, Solarthermie, Umgebungswärme, Abwärme 0,0 0,0
Fernwärme kein Tabellenwert, § 22 gilt 0,7

Fernwärme ist der Sonderfall: Nach § 22 Absatz 2 GModG gilt der Faktor, den das Versorgungsunternehmen selbst veröffentlicht hat, mit einer Untergrenze von 0,3 nach Absatz 3.2 Zwei Häuser mit gleicher Endenergie können hier sehr verschiedene Primärenergiewerte tragen.

Welche Zahl bestimmt die Effizienzklasse — und welche muss in die Immobilienanzeige?

Für die Klasse ist die Antwort eindeutig. § 86 Absatz 2 GModG bestimmt: Die Energieeffizienzklassen nach Anlage 10 „ergeben sich unmittelbar aus dem Endenergieverbrauch oder Endenergiebedarf“.5 Der Primärenergiewert ändert am Buchstaben nichts, auch wenn er doppelt so hoch liegt. Was hinter den neun Stufen von A+ bis H steckt, steht in Energieeffizienzklasse beim Haus.

Bei der Immobilienanzeige gilt heute dasselbe — ab 2027 nicht mehr. § 87 Absatz 1 Nummer 2 GModG verlangt derzeit „den im Energieausweis genannten Wert des Endenergiebedarfs oder des Endenergieverbrauchs für das Gebäude“.7 Die Neufassung durch Artikel 2 des Änderungsgesetzes verlangt ab dem 1. Januar 2027 stattdessen „der darin angegebene Jahres-Primärenergiebedarf in Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter Nutzfläche“.8

Welche Werte sind typisch, und wo liegt Ihr Haus?

Einen Ankerpunkt liefert der dena-Gebäudereport 2026: Der klimabereinigte Wärmeverbrauch lag 2024 bei 149 Kilowattstunden je Quadratmeter Wohnfläche und Jahr, der nicht klimabereinigte bei 128.9 Das ist Endenergie, bezogen auf die Wohnfläche — der Ausweis rechnet auf die größere Gebäudenutzfläche, bei einem Ein- oder Zweifamilienhaus mit beheiztem Keller ersatzweise das 1,35-fache der Wohnfläche. Der Kennwert im Ausweis fällt dadurch niedriger aus als ein Überschlag mit der Wohnfläche.

Von der Endenergie zur Primärenergie bei einem gasbeheizten Haus

Ein Beispielgebäude weist 120 Kilowattstunden Endenergie je Quadratmeter Gebäudenutzfläche und Jahr aus und wird mit Erdgas beheizt, Faktor 1,1.

120 kWh/(m²·a) × 1,1 = 132 kWh/(m²·a)

Die Effizienzklasse folgt aus den 120, nicht aus den 132: Das Gebäude liegt in Klasse D, deren Obergrenze bei 130 liegt. Die Zahlen sind zur Veranschaulichung gewählt; im Ausweis wird je Energieträger getrennt gerechnet, ein Haus mit zwei Wärmequellen trägt zwei Faktoren in derselben Bilanz.

Ergebnis 132 kWh/(m²·a) Primärenergie bei 120 kWh/(m²·a) Endenergie

Welche Maßnahme senkt welche Zahl?

Die Trennung sagt, was eine Maßnahme bewirken kann. Alles an der Gebäudehülle senkt die Nutzenergie und damit die Endenergie; die Primärenergie folgt, weil der Faktor bleibt. Ein Wechsel des Energieträgers wirkt umgekehrt: Er lässt den Wärmebedarf, wie er ist, und tauscht den Faktor aus.

Die Wärmepumpe ist der Fall, bei dem beides zusammenkommt. Strom trägt den höchsten Faktor, aber die Endenergie fällt um die Jahresarbeitszahl kleiner aus: Das Fraunhofer ISE hat 77 Anlagen in Bestandsgebäuden vermessen und für Luft/Wasser-Geräte im Mittel 3,4 ermittelt, für erdgekoppelte 4,3.10 Der Divisor schlägt den Faktor deutlich.

Was welche Maßnahme an den beiden Kennwerten bewegt
Maßnahme Endenergie Primärenergie
Dämmung von Fassade oder Dach sinkt sinkt im gleichen Verhältnis
Fenstertausch sinkt sinkt im gleichen Verhältnis
Gaskessel gegen Brennwertgerät sinkt leicht sinkt leicht
Wechsel auf eine Wärmepumpe sinkt stark sinkt trotz höherem Faktor
Photovoltaik am Gebäude unverändert sinkt, Faktor 0,0
Wechsel auf Holz vor 2027 unverändert sinkt stark

Ob Ihr Gebäude die Werte als berechneten Bedarf oder als erfassten Verbrauch ausweist, hängt an der Ausweisart: Der Bedarfsausweis rechnet das Gebäude durch, der Verbrauchsausweis wertet drei Abrechnungsjahre aus. Für die Frage, welche Zahl wofür zählt, ändert das nichts.

Häufige Fragen zu den beiden Energiekennwerten

Welche der beiden Zahlen ist die wichtigere?

Für Effizienzklasse und Inserat zählt bis Ende 2026 allein die Endenergie. Ab dem 1. Januar 2027 verlangt § 87 GModG den Jahres-Primärenergiebedarf in der Anzeige; die Klasse bleibt an der Endenergie.

Kann die Primärenergie niedriger sein als die Endenergie?

Ja, sobald ein Energieträger mit einem Faktor unter 1,0 im Spiel ist — Holz mit 0,2, Umgebungswärme oder Strom vom eigenen Dach mit 0,0.

Ändert sich mein Ausweis, wenn die Faktoren 2027 neu gefasst werden?

Nein. Ein bereits ausgestellter Ausweis wird nicht nachgerechnet. Die neuen Faktoren gelten für Ausweise, die ab dem 1. Januar 2027 ausgestellt werden.

Fazit: eine Zahl beschreibt das Haus, die andere den Energieträger

Die Endenergie sagt, wie viel Energie Ihr Gebäude braucht; die Primärenergie sagt zusätzlich, womit es beheizt wird. Deshalb bewegt eine Dämmung beide Werte, ein Heizungstausch vor allem den zweiten. Für die Effizienzklasse zählt weiterhin allein die Endenergie — wer ab dem 1. Januar 2027 ein Inserat aufgibt, greift dagegen zur anderen Zahl als heute.

Quellen

  1. Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), Anlage 4 (zu § 22 Absatz 1) — Primärenergiefaktoren (Stand 09/2026) gesetze-im-internet.de ↩1 ↩2 ↩3
  2. Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), § 22 — Primärenergiefaktoren, einschließlich der Sonderregel für Fernwärme (Stand 09/2026) gesetze-im-internet.de ↩1 ↩2
  3. Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), § 85 — Angaben im Energieausweis (Stand 09/2026) gesetze-im-internet.de ↩
  4. Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), § 82 — Energieverbrauchsausweis (Stand 09/2026) gesetze-im-internet.de ↩
  5. Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), § 86 — Energieeffizienzklasse eines Wohngebäudes (Stand 09/2026) gesetze-im-internet.de ↩
  6. Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), Anlage 10 (zu § 86) — Energieeffizienzklassen von Wohngebäuden (Stand 09/2026) gesetze-im-internet.de ↩
  7. Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), § 87 — Pflichtangaben in einer Immobilienanzeige (Stand 09/2026) gesetze-im-internet.de ↩
  8. Gesetz zur Änderung des Gebäudeenergiegesetzes und weiterer Vorschriften im Wärmebereich vom 23. Juli 2026, Artikel 2 und Artikel 9 (BGBl. 2026 I Nr. 226, ausgegeben am 28. Juli 2026) recht.bund.de ↩1 ↩2 ↩3
  9. Deutsche Energie-Agentur, dena-Gebäudereport 2026 — Updatebericht April, Abbildung 76 auf Seite 51 dena.de ↩1 ↩2
  10. Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, „Wärmepumpen heizen auch im Altbau klimafreundlich“, Pressemitteilung vom 3. November 2025 ise.fraunhofer.de ↩
  11. Umweltbundesamt, Erneuerbare und konventionelle Stromerzeugung (Datenstand 15. Mai 2026, Datenquelle AGEE-Stat) umweltbundesamt.de ↩